Abenteuer Kunst, Aktive Führung zur Ausstellung "Malen und Leben - Otmar Alt zum 75sten"

Aus dem Projekt heraus entstand eine Wanderausstellung mit 60 ausgewählten Arbeiten von über 1000 Kinderbildern, die während der Führungen gemalt wurden. Der Workshop fand in de Kochsmühle in Obernburg statt. Für den Schäflerpreis 2016 wurden 12 Kinderbilder prämiert.

Das große Abenteuer Kunst

Zu den guten Gewohnheiten des Landkreises Miltenberg gehört im Herbst jeden Jahres eine etwa sechswöchige Kunstausstellung in der Kochsmühle in Obernburg. Sie ist etwas Besonderes und sie zeigt immer etwas Besonderes: Künstler der Vergangenheit oder Gegenwart, auch Teile bedeutender Sammlungen, die weitgehend eine Verbindung zum Landkreis und seinen Kulturträgern aufweisen. Der Vermittlungsanspruch vor allem an jüngere Generationen ist ein zentrales Anliegen dieser Ausstellungen, und im Zentrum der Vermittlungsarbeit steht das „Abenteuer Kunst“. Es ist gewissermaßen das Herzstück der Kulturarbeit und richtet sich an Kinder vom Vorschulalter bis zur gymnasialen Oberstufe, betrifft also alle Arten von Schuleinrichtungen sowie die Kindergärten. Die Gruppe der Klassen melden sich zu einem zweistündigen Workshop an, der sich jeweils aus einem theoretischen und einem praktischen Teil zusammensetzt.

Im ersten Teil wird der Künstler, in diesem Fall Otmar Alt, den Kindern als Künstler und als Mensch vorgestellt, theoretisch natürlich, mit Lebenslauf und einem Foto. Für die Kinder ist es immer ein besonderer Moment, einer ihnen unbekannten Lebensgeschichte zu folgen. Der von Otmar Alt früh erlernte Beruf des Dekorateurs und Plakatmalers wird besprochen, anschließend die Studienjahre und die bald beginnende Vielseitigkeit seiner Arbeit erörtert. Auch als Musiker war der Künstler interessant, und oft hörte ich: „Ich spiele auch Klarinette.“ So wurde Otmar Alt den Kindern vertraut und zugänglich.

Zu den unverkennbaren Merkmalen seiner Handschrift gehört das puzzleartige Zusammensetzen der Bilder aus reinfarbigen Elementen bzw. dunkel umrandeten Flächen. Werke wie „Der Haustiergarten“, der „Osterhaifisch“ oder „Die kleine Burg“ sind für Kinder leicht zu begreifen, und nach kürzester Zeit sprudelte es an eigenen gestalterischen Ideen. Die unterschiedlichsten Formen wurden auf sehr individuelle Weise interpretiert, das Arbeitsprinzip Otmar Alts haben alle schnell verstanden und konnten es später anwenden.

Gemeinsam werden auch Otmar Alts jüngste Arbeiten betrachtet, die in der Ausstellung erstmals überhaupt zu sehen waren, wie „Thale der Sprung“. Kurz wird den Kindern die Sage erzählt, und noch während des Erzählens erkennen sie die der Sage entsprechenden Elemente. „Der Riese Bodo schaut aber traurig und verärgert aus!“ Sie versuchen, die Mimik des Riesen nachzuahmen, und plötzlich sitzen da zwanzig traurig dreinblickende Schüler. Auch im Werk „Hänsel und Gretel“ entdecken sie in den abstrakten Formen ohne Probleme die unterschiedlichen Hexen, Hexenhäuser und Tannenbäume.

Im zweiten Teil des Workshops dürfen die Kinder dann selbst zu Künstlern werden und arbeiten, auf dem Boden sitzend, auf großformatigen Papieren in Aquarell. Die Maltechnik war bereits im ersten Teil besprochen, und so wenden die Kinder umgehend die schwarze Konturierung der Flächen an, die anschließend mit Farbe gefüllt und dann mit Wasser ausgemalt werden. So bekommen die Farben eine ungeheure Leuchtkraft, und die Kinder sind plötzlich nicht nur von Otmar Alts Arbeiten fasziniert, sondern auch von den eigenen.

Zwei besondere Workshops gab es während dieser Ausstellung. An einem Nachmittag besuchte uns eine Gruppe Asylsuchender. Angekündigt waren zehn Personen, es kamen aber mehr als das Doppelte: Familien mit größeren und kleineren Kindern, auch die Großeltern. Für unsere Vermittlung bedeutete das eine große Herausforderung, doch nach einem vorsichtigen und zögerlichen Auftakt war das Eis schnell gebrochen und es entstand ein wunderbarer Deutschunterricht vor den Bildern Otmar Alts. Alle versuchten sich in deutscher Sprache, es wurden Formen und Farben benannt, in einem munteren Wechselspiel entwickelte sich ein gelebtes Miteinander. Zu meiner Freude haben auch alle zu Papier, Farben und Pinseln gegriffen, für viele war es das allererste Mal! Ehrfurchtsvoll und dankbar machten sie eine neue Erfahrung. Ein Ehemann war regelrecht entzückt von der Malkunst seiner Frau, ja eigentlich stolz darauf. Ein Großteil der an diesem Nachmittag entstandenen Werke zeigte auf erschreckende Weise Verbindungen zum eigenen Leben, vor allem zu der Situation der Flucht, die sie alle nach Deutschland geführt hatte.

Die zweite bemerkenswerte Gruppe, die uns besuchte, waren Schülerinnen und Schüler eines Blindeninstituts, also Kinder mit einer stark eingeschränkten Sehkraft. Aber auch sie nahmen mit Freute und mit Energie an dem Workshop teil, erkannten vor allem die kräftigen und leuchtenden Farben der Bilder Otmar Alts und suchten das Erlebte nach eigenen Möglichkeiten umzusetzen.

Unterstützt wurde das Projekt durch den Bezirk Unterfranken - Otmar-Alt-Stiftung.

Projektleitung: Barbara Bertlwieder mit Führungsteam, Barbara Klietsch, Margarete Bernhard und Elke Fieger.